
Praktikermethode Schweiz: Die häufigste Unternehmensbewertungsmethode einfach erklärt
Die Praktikermethode ist in der Schweiz die am weitesten verbreitete Methode zur Bewertung von KMU. Sie kombiniert zwei bewährte Ansätze – den Ertragswert und den Substanzwert – zu einem gewichteten Mittelwert und liefert damit eine ausgewogene, praxisnahe Wertindikation. In diesem Artikel erfahren Sie, wie die Praktikermethode funktioniert, wie Sie sie Schritt für Schritt anwenden und wann sie sinnvoll ist.
Was ist die Praktikermethode?
Die Praktikermethode (auch «Schweizer Methode» genannt) ist eine kombinierte Bewertungsmethode, die den Ertragswert und den Substanzwert eines Unternehmens gewichtet zusammenführt. Sie wurde ursprünglich von der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV) für die Bewertung nicht kotierter Unternehmen entwickelt und hat sich seither als Standardmethode bei Schweizer KMU-Transaktionen etabliert.
Formel:
Unternehmenswert = (2 × Ertragswert + 1 × Substanzwert) ÷ 3
Die doppelte Gewichtung des Ertragswerts widerspiegelt, dass bei einem laufenden Unternehmen die zukünftige Ertragskraft wichtiger ist als der reine Vermögenswert. Möchten Sie den Wert Ihres Unternehmens sofort berechnen? Nutzen Sie unseren kostenlosen Online-Rechner.
Ertragswert und Substanzwert: Die zwei Bausteine
Was ist der Ertragswert?
Der Ertragswert basiert auf der zukünftigen Ertragskraft des Unternehmens. Er wird berechnet, indem der normalisierte Jahresgewinn (bereinigter EBIT oder Reingewinn) durch einen Kapitalisierungszinssatz dividiert wird.
Formel Ertragswert:
Ertragswert = Bereinigter Jahresgewinn ÷ Kapitalisierungszinssatz
Der Kapitalisierungszinssatz liegt bei Schweizer KMU typischerweise zwischen 8% und 15%, abhängig von Branche, Grösse, Risiko und Wachstumsaussichten. Ein risikoarmes, gut etabliertes Unternehmen mit stabilen Erträgen verwendet einen tieferen Zinssatz (höherer Wert), ein risikoreiches Startup einen höheren (tieferer Wert).
Was ist der Substanzwert?
Der Substanzwert entspricht dem bereinigten Eigenkapital des Unternehmens – also dem Wert aller Aktiven abzüglich aller Verbindlichkeiten, bewertet zu aktuellen Marktwerten. Er zeigt, was das Unternehmen «auf dem Papier» wert ist, unabhängig von seiner Ertragskraft.
Formel Substanzwert:
Substanzwert = Zeitwert aller Aktiven − Fremdkapital
Wichtig: Der Substanzwert verwendet Zeitwerte, nicht Buchwerte. Maschinen, Immobilien oder Fahrzeuge können erheblich vom bilanzierten Wert abweichen.
Praktikermethode Schritt für Schritt
Schritt 1: Bereinigten Jahresgewinn ermitteln
Bereinigen Sie den Jahresgewinn der letzten 2–3 Jahre um ausserordentliche, einmalige oder nicht betriebsnotwendige Positionen:
- Überhöhter oder zu tiefer Unternehmerlohn → auf Marktniveau korrigieren
- Einmalige Erträge oder Aufwände → herausrechnen
- Private Aufwände über die Firma → eliminieren
- Nicht betriebsnotwendige Liegenschaften → separat behandeln
Bilden Sie danach einen gewichteten Durchschnitt – das aktuellste Jahr wird stärker gewichtet als ältere Jahre.
Schritt 2: Kapitalisierungszinssatz festlegen
Orientierungswerte für Schweizer KMU 2026:
- Sehr stabiles, risikoarmes Unternehmen: 8–10%
- Durchschnittliches KMU: 10–12%
- Wachstumsunternehmen oder höheres Risiko: 12–15%
- Sehr kleines oder stark inhaberabhängiges KMU: 15–20%
Schritt 3: Ertragswert berechnen
Ertragswert = Bereinigter Jahresgewinn ÷ Kapitalisierungszinssatz
Schritt 4: Substanzwert ermitteln
Bereinigtes Eigenkapital zu Zeitwerten berechnen – falls nötig mit Unterstützung eines Treuhänders oder Revisors.
Schritt 5: Praktikermethode anwenden
Unternehmenswert = (2 × Ertragswert + 1 × Substanzwert) ÷ 3
Rechenbeispiel: Handwerksbetrieb Schweiz
Ausgangslage: Ein Sanitärunternehmen aus dem Kanton Zürich mit 12 Mitarbeitenden.
- Bereinigter Jahresgewinn (Durchschnitt 3 Jahre): CHF 320'000
- Kapitalisierungszinssatz: 10% (stabiles Unternehmen, gute Auftragslage)
- Substanzwert (bereinigtes Eigenkapital zu Zeitwerten): CHF 850'000
Berechnung:
Ertragswert = CHF 320'000 ÷ 10% = CHF 3'200'000
Unternehmenswert = (2 × CHF 3'200'000 + 1 × CHF 850'000) ÷ 3
= (CHF 6'400'000 + CHF 850'000) ÷ 3
= CHF 7'250'000 ÷ 3
= CHF 2'416'667
Die indikative Wertbandbreite liegt damit bei rund CHF 2.2 – 2.6 Mio. – abhängig von Verhandlung, Due Diligence und Transaktionsstruktur.
Rechenbeispiel: Treuhandbüro Schweiz
Ein Treuhandbüro mit 5 Mitarbeitenden und stabiler Mandantenbasis:
- Bereinigter Jahresgewinn: CHF 180'000
- Kapitalisierungszinssatz: 12% (leicht erhöhte Inhaberabhängigkeit)
- Substanzwert: CHF 220'000
Berechnung:
Ertragswert = CHF 180'000 ÷ 12% = CHF 1'500'000
Unternehmenswert = (2 × CHF 1'500'000 + 1 × CHF 220'000) ÷ 3
= (CHF 3'000'000 + CHF 220'000) ÷ 3
= CHF 3'220'000 ÷ 3
= CHF 1'073'333
Wertbandbreite: ca. CHF 950'000 – CHF 1'150'000. Zur Plausibilisierung empfiehlt sich ein Vergleich mit dem branchenüblichen EBIT-Multiple für Treuhandunternehmen (4.0×–6.5×).
Praktikermethode vs. EBIT-Multiple: Was ist der Unterschied?
| Kriterium | Praktikermethode | EBIT-Multiple |
|---|---|---|
| Grundlage | Ertragswert + Substanzwert | Marktvergleich |
| Substanz berücksichtigt? | Ja | Nein |
| Geeignet für | Substanzreiche KMU | Dienstleister, IT, Beratung |
| Verbreitung Schweiz | Sehr hoch (Standard) | Hoch (Marktplausibilisierung) |
| Einfachheit | Mittel | Hoch |
In der Praxis werden beide Methoden kombiniert: Die Praktikermethode liefert den Basiswert, der EBIT-Multiple dient zur Marktplausibilisierung. Unser professioneller Bewertungsservice kombiniert beide Ansätze für eine fundierte Wertindikation.
Wann ist die Praktikermethode sinnvoll – und wann nicht?
Sinnvoll bei:
- Klassischen Schweizer KMU mit stabilen Erträgen
- Substanzreichen Unternehmen (Produktion, Handwerk, Handel)
- Nachfolgeregelungen und Erbschaftsbewertungen
- Steuerlichen Bewertungen (ESTV-Methode)
Weniger geeignet bei:
- Startups ohne Gewinnhistorie
- Wachstumsunternehmen mit negativem EBIT
- Immobiliengesellschaften (DCF oder Ertragswertmethode bevorzugt)
- Sehr grossen Transaktionen ab CHF 20 Mio. (EBITDA-Multiple dominiert)
FAQ: Praktikermethode Schweiz
- Warum heisst es «Praktikermethode»?
- Der Name leitet sich von der praktischen Anwendbarkeit ab – die Methode ist einfach zu berechnen, gut nachvollziehbar und berücksichtigt sowohl Ertragskraft als auch Substanz. Sie wurde von der Eidgenössischen Steuerverwaltung entwickelt und von Praktikern übernommen.
- Ist die Praktikermethode auch für den Verkauf geeignet?
- Ja – sie ist ein guter Ausgangspunkt für Verkaufsverhandlungen. Der tatsächlich erzielte Preis hängt jedoch von Angebot und Nachfrage, der Verhandlungsführung und der Transaktionsstruktur ab. Ein professioneller M&A-Berater kann den erzielten Multiple deutlich verbessern.
- Welchen Kapitalisierungszinssatz soll ich verwenden?
- Für ein durchschnittliches, stabiles Schweizer KMU sind 10–12% ein realistischer Ausgangswert. Tiefere Zinssätze (8–10%) sind bei sehr stabilen, wachsenden Unternehmen mit geringer Inhaberabhängigkeit gerechtfertigt. Lassen Sie sich im Zweifelsfall von einem Experten beraten.
- Was ist der Unterschied zwischen Praktikermethode und Ertragswertmethode?
- Die Ertragswertmethode bewertet das Unternehmen ausschliesslich auf Basis der Ertragskraft. Die Praktikermethode ergänzt dies durch den Substanzwert und gewichtet den Ertragswert doppelt. Für substanzarme Dienstleistungsunternehmen liefern beide Methoden ähnliche Ergebnisse.
Quellen & Referenzen
- 1KMU-Portal
Offizielle Informationen und Unterstützung für KMU in der Schweiz.
- 2Staatssekretariat für Wirtschaft
Wirtschaftsbezogene Informationen und Regelungen.
- 3Economiesuisse
Dachverband der Schweizer Wirtschaft.
- 4Treuhand Suisse
Fachverband für Treuhandwesen in der Schweiz.
- 5Schweizerischen Bankiervereinigung
Informationen und Standards des Schweizer Bankensektors.
